
Kunst soll aus Meinungsverschiedenheit entstehen
Ein Kunstwerk auf die Welt zu bringen kann eine spielerische Sache sein, in der dem Zufall genügend Raum gelassen wird. Die Choreografin und Performancekünstlerin Maija Hirvanen und der Stimm- und Performancekünstler Juha Valkeapää geben ihrer ersten gemeinsamen Arbeit Zeit, sich in Ruhe zu entwickeln.
Die Produktion mit dem Arbeitstitel Life as we know it wird 2020 herauskommen, und dafür internationale Geburtshilfe bekommen. Hirvanen und Valkeapää wurden für das MOTI-Programm von Theater Info Finnland (TINFO) ausgewählt, das finnischen Theater- und Performancekunstschaffenden dabei hilft, für ihre Produktionen neues Publikum auf dem internationalen Markt zu erschließen.
TINFO hat die Künstler interviewt und daraus wurde ein Sprung ins Ausufernde.
Hirvanen und Valkeapää hatten sich zufällig beide vorgenommen, die Vita Activa von Hannah Arendt zu lesen, und dass der künstlerische Prozess in dieser Phase zu einer gleichen Leseliste führt, verbildlicht die unbewussten Schwarmverbindungen (Synchronisationen), deren Untersuchung Life as we know it als Thema bekommen hat. Emphatie, Angst, Liebe, Vergebung, Myzel, Bakterien, der Ball als Objekt und Wasser liegen bei beiden Künstlern zu Beginn als Spielfiguren auf dem Tisch. Ein künstlerischer Konsens ist nicht das Ziel, im Gegenteil, das Thema braucht bei der Umsetzung von seinem kleinsten Anfang an Meinungsverschiedenheit um frischen Wind zu bekommen.
Im Zeichen eines enormen Lebenshungers
Maija Hirvanen und Juha Valkeapää haben beide, jeder auf seine Art, eine lange Karriere als Künstler hinter sich und auf ihrem Weg mit vielen Künstlern aus Finnland und von anderswo zusammen gearbeitet. Sie kennen die Arbeit des anderen, und jetzt ist gerade der richtige Moment, gemeinsam eine Produktion zu machen:
Im mittleren Alter angekommen, beziehungsweise an dessen Schwelle, ist der Lebenshunger bei uns beiden wieder auf eine neue Art und Weise groß. Wir fangen also bei nichts weniger an, als im Angesicht der Unfassbarkeit des gesamten Lebens. So als würde man dem Leben selbst in die Augen gucken, ganz genau.
Genau gucken kann bedeuten, dass in einem Punkt, einem Körnchen, einer Zelle, vielleicht einer Bewegung oder der Stimme eine ganze Welt zu finden ist, wenn sie lange genug erforscht werden. Immer mit der Ruhe. Das unterstützt auch die Leiterin des Dublin Fringe Festivals Ruth McGowan, die Bewerbungen der Theatergruppen für das MOTI-Programm gelesen hat: Work passionately and with rigour on the ideas that compel you as an artist. Don’t rush. Hold a steadfast commitment to your impulses.
Das Duo hat einen guten Grund, das Leben in seine Atome zu zerlegen:
Life as we know it weist auf den Gedanken hin, dass unser Wissen und unsere Erfahrung des Lebens, dessen was es ist oder sein könnte, immer unvollständig ist. Wir streben nach einer Art Raum des nicht-Wissens, einem Raum, in dem wir Dinge nicht zu sehr mit unseren Gedanken, unserem Sein und Handeln ausgebessert haben.
Langsamkeit und Gelassenheit als Zutaten der Produktion
Zeit ist zu kostbar, um sie mit Eile zu vergeuden. Diese aphoristische Schlussfolgerung schwelt im Hintergrund der Planungen von Maija Hirvanen und Juha Valkeapää, die das Projekt betreffen. Sie nennen es beim Namen: das Projekt wird langsam und ohne Eile gemacht. Ich vermute, wir sprechen jetzt über das wesentliche Thema der Arbeit:
Ja. Gelassenheit und Langsamkeit sind die Herangehensweise und die Haltung, mit der das Projekt gemacht wird. Sie bestimmen, was daraus wird. Zeit ist wertvoll, wertvollen Dingen Zeit geben und Zeit nehmen. Innehalten ist ein Mittel, um weiter zu kommen. Langsamkeit beruhigt – oft. Wer langsam ist, dem genügt eine Sache für lange Zeit. Aber Langsamkeit und Gelassenheit sind nicht das Gleiche. Wir machen unsere Arbeit in Ruhe, aber wir sind beide dynamische Charaktere, die viele Seiten haben.
Inmitten der Rushhour des Lebens und in einer Arbeitskultur, die auf Effektivität beruht und auf Leistung abzielt, erleben es Hirvanen und Valkeapää als reizvoll, Orte und Räume zu schaffen, in denen kein Stress ist. Leicht ist es nicht, aber aus Sicht der Künstler von Wichtigkeit ersten Ranges:
In der Ruhe und Gelassenheit können andere Facetten von Dingen, Wesen und Menschen zum Vorschein kommen, weil für sie Platz ist. Manchmal schafft Gelassenheit den Raum für eine unglaubliche Intensität und einen Wechsel der Dynamik. Raum und Zeit bedingen sich so gegenseitig. Auch in der Langsamkeit ist ein Wert erkennbar, der Möglichkeiten der Zeit öffnet.
Ich verstehe den Gedanken der Künstler auch so, dass aus einer Vielfalt nicht mit Gewalt irgendetwas Einheitliches gepresst werden soll. Etwas gemeinsam Gemachtes besteht nicht aus Einem oder Zweien. Es ist Vieles, aus dem auch Vieles entsteht.
Sari Havukainen, TINFO, 23.5.2018
(übersetzt von Katja von der Ropp)